Alles, was Sie rund um die Abnehmspritze Wegovy wissen müssen (2024)

Seit Sommer vergangenen Jahres ist die Abnehmspritze „Wegovy“ auf dem deutschen Markt. Hier erfahren Sie alles rund um Anwendung, Wirkung, Kosten sowie Risiken und Nebenwirkungen.

Endlich kein Diät-Stress mehr? „Wegovy“ stellt eine Gewichtsabnahme und -kontrolle in Aussicht. Für Menschen mit der Erkrankung Adipositas ist das eine tolle Chance, finden Experten. Als Lifestyle-Produkt zum schnellen Schlankspritzen sei es dagegen nicht geeignet. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie funktioniert „Wegovy“?

Patienten können sich „Wegovy“ vom dänischen Pharmakonzern Novo Nordisk aus einem Fertigpen, der einem Textmarker ähnelt, einmal pro Woche selbst unter die Haut spritzen: am Bauch, Oberschenkel oder Oberarm. Es handelt sich um eine Injektionslösung mit dem Wirkstoff Semaglutid.

Für welche Patienten ist „Wegovy“ geeignet?

Gedacht ist das Präparat für Erwachsene mit einem Body-Mass-Index (BMI)

  • ab 30 (Adipositas) oder
  • ab 27 (Übergewicht) mit mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung wie Diabetes Typ 2 oder Bluthochdruck.

Der BMI wird aus Größe und Gewicht errechnet. Wer als Mann zum Beispiel 1,80 Meter groß ist und 100 Kilo wiegt, überschreitet die 30er-Marke knapp. Daneben kann das Mittel auch bei Jugendlichen ab einem Alter von 12 Jahren mit Adipositas oder einem Gewicht von mehr als 60 Kilo verschrieben werden.

Die Spritzen allein sollen es allerdings bei keiner dieser Gruppen richten: Sie sind vielmehr als eine Ergänzung zu Diät und Sport gedacht.

Wie funktioniert der Wirkstoff Semaglutid?

Semaglutid ahmt die Wirkung des körpereigenen Hormons GLP-1 nach. „Das verlangsamt die Magen-Entleerung und optimiert die Insulinausschüttung. Es wirkt auch auf das Gehirn, im Sinne von Sättigungsgefühl und Appetitzügler“, erklärt Sylvia Weiner, Chefärztin für Adipositas-Chirurgie, im Gespräch mit FOCUS online. „Aber unser Stoffwechsel ist hochkomplex, mit zahlreichen verschiedenen Einflüssen“, warnt sie. GLP-1 sei nur ein Baustein davon – wenn auch „ein sehr wichtiger“.

Klinischen Studien zufolge reduziert der Wirkstoff die Energieaufnahme und steigere das Sättigungs- und Völlegefühl, heißt es auch in einem Papier der EU-Arzneimittelbehörde EMA.

Wie viel und wie schnell kann man damit abnehmen?

Die EMA schreibt, dass „ein signifikanter Anteil an Probanden eine Gewichtsreduktion von mindestens fünf Prozent“ erreiche. Sie zitieren mehrere Studien, wonach Personen durch eine Wegovy-Behandlung im Schnitt nach eineinhalb Jahren

  • Studie 1: 15 Prozent ihres Körpergewichts (im Vergleich zu zwei Prozent bei Placebo-Gruppe)
  • Studie 2: 16 Prozent ihres Körpergewichts (im Vergleich zu sechs Prozent bei Placebo-Gruppe)
  • Studie 3: 10 Prozent ihres Körpergewichts (im Vergleich zu drei Prozent bei Placebo-Gruppe)

verloren.

Eine Gewichtsabnahme um mindestens fünf Prozent ihres Körpergewichts gelang demnach

  • Studie 1: 84 Prozent (im Vergleich zu 31 Prozent bei Placebo-Gruppe)
  • Studie 2: 85 Prozent (im Vergleich zu 48 Prozent bei Placebo-Gruppe)
  • Studie 3: 67 Prozent (im Vergleich zu 30 Prozent bei Placebo-Gruppe).

Alle Probanden litten entweder an Adipositas oder Übergewicht mit mindestens einer gesundheitlichen Begleiterkrankung.

Muss die Spritze dauerhaft angewandt werden?

„Die aktuell vorliegenden Daten sprechen dafür, dass es nach Absetzen von Semaglutid wieder zu einer deutlichen Gewichtszunahme kommt und somit für die meisten Betroffenen eine dauerhafte Einnahme nötig ist, um das reduzierte Körpergewicht zu halten“, teilt die Adipositas-Gesellschaft mit.

Darauf deutet auch eine Studie hin: 900 Personen nahmen fünf Monaten Wegovy ein, danach wurde bei einigen die Einnahme von Wegovy beendet und sie erhielten stattdessen ein Placebo. Nach einem Jahr hatten die Teilnehmer, die Wegovy weiter einnahmen, weitere acht Prozent ihres Körpergewichts verloren – die Teilnehmer der Placebo-Gruppe hatten dagegen sieben Prozent ihres Körpergewichts zugenommen.

„Es macht keinen Sinn, ein paar Wochen zu spritzen und dann aufzuhören. Da muss man ein Leben lang dranbleiben“, betont auch Expertin Weiner.

Wie viel kostet die Therapie?

Der Apothekenabgabepreis für die Anfangsdosis für die ersten vier Wochen beläuft sich auf 171,92 Euro. Für die höchste Erhaltungsdosis von 2,4 Milligramm, die einmal wöchentlich gespritzt wird, beträgt der Abgabepreis für vier Wochen 301,91 Euro, die Tageskosten liegen hier bei 10,78 Euro. Dazu kommen gegebenfalls Arztbesuche, die ebenfalls selbst bezahlt werden müssen.

Das Mittel ist rezeptpflichtig und die Kosten werden nicht von gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Wer trägt die Kosten?

Die Abnehmspritze muss aktuell noch selbst bezahlt werden. Denn: Mittel zum Abnehmen gelten bislang laut deutschem Sozialgesetzbuch als Lifestyle-Produkte und sind damit von der Verordnungsmöglichkeit zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung ausgeschlossen. „Die Regelung wird hoffentlich bald geändert, so dass zumindest einige Adipositas-Patienten auf Kassenrezept damit versorgt werden können“, heißt es von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft.

Wie komme ich an die Abnehmspritze?

Wegovy ist verschreibungspflichtig. Sie benötigen also ein von einem Arzt oder einer Ärztin ausgestelltes Rezept. Das können Sie dann in einer Apotheke einlösen. Immer wieder kommt es zu Lieferengpässen. Betroffene müssen oftmals mehrere Apotheken abklappern und auch dann kommen sie nicht gesichert an ein Medikament. Experten warnen vor Fälschungen (insbesondere von Ozempic) im Netz. Diese könnten schwere Nebenwirkungen haben und teils zum Tod führen.

Können wir uns bald alle schlankspritzen?

Von der Anwendung durch Normalgewichtige, die zum Beispiel vor einem Strandurlaub ein paar Pölsterchen loswerden wollen, raten Fachleute klar ab. „Bei Übergewichtigen ist etwas im Stoffwechsel gestört, bei Gesunden nicht. Ich würde sogar behaupten, dass man sich damit vielleicht sogar ein Risiko anspritzen kann, später einmal übergewichtig zu werden“, warnt Weiner. „Das kennen wir ja von kurzfristigen Diäten. Wenn ich den Stoffwechsel falsch steuere, provoziere ich falsche Anpassungsmechanismen.“ Daneben gebe es derzeit keine Datenlage, wie das Medikament bei Normalgewichtigen wirke. „Ich kann also nur dringend davon abraten, die Spritze als Lifestyle-Produkt zu sehen.“

Hinzu kommt die Gefahr, dass Kranke schwerer oder nicht an ihre Medikamente kommen, wenn es einen übermäßigen Run darauf durch Gesunde gibt.

Welche Nebenwirkungen gibt es?

In bisherigen Studien berichteten Probanden am häufigsten von Übelkeit, Durchfall, Verstopfung und Erbrechen. „Es kann aber auch Kopfschmerzen auslösen und auf die Stimmung drücken“, sagt Expertin Weiner. „Deshalb ist die Empfehlung auch, es zunächst für vier bis sechs Wochen zu testen, die Ergebnisse zu überprüfen und dann zu entscheiden, ob man die Dauer-Therapie macht.“

Der Hersteller nennt auf seiner Webseite auch noch mögliche Nebenwirkungen wie unter anderem Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Gallensteine, ein Risiko für niedrigen Blutzucker und Sehstörungen bei Typ-2-Diabetikern. Der Sicherheitsausschuss der EMA prüft zudem gerade Daten unter anderem zu „Wegovy“ über das Risiko von Selbstmordgedanken und Gedanken an Selbstverletzung. Allerdings ist laut EMA noch nicht klar, ob die gemeldeten Fälle mit den Arzneimitteln selbst oder mit den Grunderkrankungen der Patienten oder anderen Faktoren zusammenhängen.

Surftipp: Running-Doc über Wegovy - Übelkeit und Durchfall: Sportmediziner warnt vor Nebenwirkung der Abnehmspritzen

Wer sollte „Wegovy“ nicht nehmen?

Für eine Reihe von Menschen mit bestimmten Erkrankungen ist die Wirksamkeit nicht untersucht, etwa bei Diabetes Typ 1. Während der Schwangerschaft und Stillzeit darf das Präparat nach EMA-Angaben nicht verwendet werden. Wer ein Kind bekommen wolle, müsse Semaglutid mit einem Vorlauf von mindestens zwei Monaten absetzen.

Laut Hersteller sollen auch jene Menschen „Wegovy“ nicht bekommen, die schon selbst oder in der Familie eine bestimmte Form von Schilddrüsenkrebs hatten. Das gelte auch bei ernsten allergischen Reaktionen auf Semaglutid oder andere Inhaltsstoffe. Der Hersteller weist außerdem darauf hin, dass das Medikament die Wirkweise anderer Medikamente beeinflussen könne, weil es die Magenentleerung verlangsame.

Gibt es Alternativen?

Aktuell sind in Deutschland zur Gewichtsreduktion

  • Orlistat („Xenical“),
  • Liraglutid („Saxenda“) und
  • Semaglutid („Wegovy“)

zugelassen. „Von den aktuell in der EU für die Behandlung von Adipositas zugelassenen Wirkstoffen ist Semaglutid 2,4 Milligramm (also Wegovy) mit Blick auf das Risiko-Nutzen-Profil aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht die erste Wahl“, urteilt die Adipositas-Gesellschaft.

Das Diabetes-Medikament „Ozempic“ beruht zwar auch auf dem Wirkstoff Semaglutid, allerdings in geringerer Dosis (1 Milligramm). Zudem ist es hierzulande bislang ausschließlich als Diabetes-Typ-2-Mittel zugelassen und nicht als Abnehmpräparat, auch wenn es im sogenannten Off-Label-Use auch zu diesem Zweck abgegeben werden kann.

Weitere ähnliche Medikamente dürften hinzukommen, erwarten Experten. So könnte schon bald das Typ-2-Diabetes-Medikament „Mounjaro“ (Wirkstoff Tirzepatid) auch für den Einsatz gegen Adipositas zugelassen werden. Oder das Abnehm-Mittel VK2735 von US-Hersteller Viking Therapeutics, derzeit noch in der Entwicklungsphase. Beide sind in der Adipositas-Therapie nach bisherigen Erkenntnissen noch wirksamer als „Wegovy“.

Vertiefende Fragen & Antworten zum Thema:

Semaglutid ist ein Wirkstoff der GLP-1-Analoga (GLP-1-„Kopien“), d.h. es ahmt die Wirkung des körpereigenen Darmhormons GLP-1 nach, das ausgeschüttet wird, wenn wir essen. Zu dessen Wirkungen gehören einerseits die Steigerung der Insulinausschüttung aus der Bauchspeicheldrüse und ...

Alles, was Sie rund um die Abnehmspritze Wegovy wissen müssen (1)

Uwe Knop

Evidenzfokussierter Ernährungswissenschaftler, Publizist, Referent und Buchautor

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Ähnlich wie Viagra, das ursprünglich als Herzmedikament entwickelt wurde, ist die Nebenwirkung "Gewichtsverlust" von Semaglutid attraktiver als seine Hauptwirkung, die Blutzuckerkontrolle. In Studien verloren fettleibige Personen in einem Jahr etwa 15 % ihres Körpergewichts, ein Drittel sogar mehr als 20 %.

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Uwe Knop

Evidenzfokussierter Ernährungswissenschaftler, Publizist, Referent und Buchautor

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Die häufigsten Nebenwirkungen sind Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Völlegefühl und Appetitlosigkeit. Bei höherer Dosierung in Wegovy könnte es zu stärkeren Nebenwirkungen kommen. Eine weitere Nebenwirkung ist das "Ozempic face", eine schlaffe, hängende Gesichtsstruktur durch schnellen Fettgewebeabbau im Gesicht.

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Uwe Knop

Evidenzfokussierter Ernährungswissenschaftler, Publizist, Referent und Buchautor

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Semaglutid ermöglicht eine bessere, bedarfsgerechtere Insulinausschüttung, was es zu einem wichtigen Werkzeug in der Diabetestherapie macht, besonders für Patienten, bei denen Metformin nicht wirksam ist oder nicht vertragen wird.

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Uwe Knop

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